Tag 30

Tag dreißig. Der Wecker läutet früh, die Halsschmerzen sind weiterhin da, dazu jetzt auch noch eine verstopfte Nase und leichte Kopfschmerzen. Vor dem Kaffee also erneut ein Aspirin (und wieder ziehe ich mir 70 Cent vom verbliebenen Budget ab). Mein Tagesprogramm ist dicht: Wie so oft vormittags Grüne Wien, am Nachmittag dann Tennis Academy und am Abend nochmals Grüne Wien. Mein gewohnter Rhythmus quasi.

Veränderung passiert nicht im kritikfreien Raum
Heute wäre eigentlich der „zweite Versuch“ des News-Interviews gewesen, das beim ersten Mal wegen der aufpoppenden Hypo/Kärnten-Geschichte abgesagt wurde, aber leider bekam ich auch jetzt wieder nicht die Chance, mich der von Julia Ortner vorgebrachten Kritik an meinem Selbstversuch zu stellen. Schade. Hatte mich echt drauf gefreut.
Dabei sei nochmals erwähnt: Ich bin ebenso dankbar für jede Kritik an meinem „Selbstversuch“, wie auch für Unterstützung oder Feedback jeglicher Art. Kritik ist wichtig und auch angebracht. Ich nehme sie für das, was ich an Erfahrung in diesem Monat mitnehmen konnte, dankend in Kauf. Ich habe in diesem Monat so viele spannende Menschen kennengelernt, interessante Geschichten gehört und Erfahrungen gemacht, die ich nicht missen möchte. In diesem Sinne kann man mich notfalls auch gern mit einem „Kübel“ an Kritik überschütten, ich würde es wieder tun. DANKE an alle, die mich diesen Monat begleitet haben und die mir dabei geholfen haben, die Stimme für all jene zu erheben, die ungerechterweise mit dem auskommen müssen, was vom Verteilungskuchen für sie übrig bleibt: Ein ganz kleines Stück. Unser gemeinsamer Kampf geht weiter, weit über diesen Monat hinaus.

Der Selbstversuch, der mehr und mehr zu einer Bewegung wird
Der Strom an Zuschriften reißt auch Ende des Monats nicht ab. Erst gestern erhielt ich Nachricht von Peter*:

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Aus dem Selbstversuch ist eine richtige Bewegung entstanden. Ich bin diesen Monat noch näher an den Menschen dran als üblich und sie gehen mit mir gemeinsam ein Stück des Weges. Ich bin happy, ein Sprachrohr für so viele tolle Menschen, für so viele Schicksale sein zu dürfen. Ich möchte mit ihnen gemeinsam für eine gerechtere Zukunft kämpfen. Weit über diesen Monat hinaus.

Alltagsgeschichten
Statt dem Interview steht diesen Vormittag dann also ein „abgespecktes“ Programm auf meinem Plan. Zunächst ein Treffen mit einer Bürgerin im Grünen Büro, danach ein Austausch mit einer weiteren Mindestsicherungsbezieherin, die sich bei mir gemeldet hat.
Nach dem spannenden Austausch und einem weiteren kohlehydratreichen Mittagessen (Ofenkartoffeln mit Cottage Cheese) heißt’s dann raus aus dem Sakko und rein in die Tennisklamotten. Ein mir mehr als bekannter, nahezu alltäglich stattfindender Wechsel. Am Platz konsumiere ich wie so oft Leitungswasser. Anfangs. Dann muss ich doch zur Geldtasche greifen und bestelle mir einen Tee. Die Halsschmerzen sind zu stark. Ich brauche was Wärmendes für meinen Rachen, auch wenn’s mich 1,80 Euro kostet. Dazu eine frisch gekaufte Banane. Gekauft hab ich mir natürlich nicht nur eine, Kosten daher 2,27 Euro.

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Der Tennistag geht vorüber und es steht wieder ein Klamottenwechsel an – diesmal in die andere Richtung. Schnell haste ich ins Lokal der Grünen Hernals, wo ich heute als Gast ihrer Sitzung beiwohnen darf. Danach konsumiere ich unterwegs noch einen Tee und mache mich dann nach einem langen Tag auf den Heimweg. 

Ich schließe heute die Augen mit einem Kontostand von 71 Cent und im Bewusstsein, dass gerade die letzten 24 Stunden meines Selbstversuches anbrechen.

* Name geändert

3 Gedanken zu “Tag 30

  1. Peter? Eher Petra, aber es tut ja nichts zur Sache. Ich verfolge ihren Blog jetzt seit einem Monat mit großem Interesse und finde es sehr spannend zu lesen, was Petra, Bernd, Bernadette, usw. aus ihrem Leben erzählen. Ich bin in einer ähnlichen Situation wie die oben erwähnte Dame. Ich fühle mit ihr und ich kann ihr nur Recht geben, was das AMS betrifft. Sowohl das AMS als auch das Sozialamt machen einem das Leben schwer. Man ist eh schon arm dran, sucht verzweifelt eine Arbeit und dann wird plötzlich das Geld eingestellt. Bis man wieder alles geklärt hat, Anträge eingereicht hat und die fehlenden Dokumente nachgebracht hat, vergehen manchmal Monate und die Angst, dass man seine Rechnungen nicht zahlen kann und bald auf der Straße sitzt, wächst. Mich ärgert es auch, dass Geld für unnötige Kurse vorhanden ist, aber nicht für solche, die einen beruflich weiterbringen würden. Die Mindestsicherung reicht eigentlich vorne und hinten nicht, aber man spart eben, wo man kann. Reparaturen werden verschoben, man hofft und betet, dass nichts kaputt geht, was größere Ausgaben verursachen könnte, man überlegt es sich zwei Mal, ob man die Wohnung heizt oder überlegt lange, ob man zum Arzt gehen soll, da Medikamente auch Geld kosten. Noch schlimmer ist es aber, dass man finanziell so eingeschränkt ist, dass man seine sozialen Kontakte vernachlässigt. Man kann sich nicht mit Freunden auf einen Kaffee oder zum Essen treffen, wenn man weiß, dass noch Rechnungen (Miete, Strom, Gas, Versicherung, Handy, Internet, usw.) bezahlt werden müssen. Es ärgert mich, wenn Leute es so darstellen, als wäre man in der „sozialen Hängematte“. Ich sage, es ist ein schwarzes Loch, aus dem man nur schwer rauskommt. Ich bewundere Sie dafür, dass Sie einen Monat lang durchgehalten haben und dafür sorgen, dass dieses Thema Aufmerksamkeit bekommt. Ich hoffe, Sie bekommen Ihr News-Interview noch und auch den Respekt, der Ihnen für diesen Selbstversuch gebührt.

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  2. Lieber Herr Kovacs, Ihre Berichte werden mir fehlen. Ich bin auf die Butterseite des Lebens gefallen; durch Ihren Blog wurde mir wieder so richtig bewusst, wie gut es mir geht. Durch Sie angeregt, werde ich im April Ähnliches versuchen. Aufgrund Ihrer Berichte vermute ich, dass Sie auch sonst nicht auf besonders großem Fuß leben und bewusst mit den Ressoucen umgehen. Wenn ich Ihnen einmal helfen bzw. Sie beim Helfen unterstützen kann – bitte melden Sie sich. Alles erdenklich Gute, vielen Dank, dass ich Sie einen Monat begleiten durfte und CHAPEAU. 🎩

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  3. Interessanter wäre das Experiment gewesen wenn es mindestens 6 Monate angedauert hätte und das überschüssige Geld deines Einkommens jedes Monat an eine*n andere*n Mindestsicherungsempfänger*in oder noch besser an jemanden der*die kein Geld hat aber keine Mindestsicherung beziehen kann gehen würde.
    Nach diesem Experiment bleibt zu hoffen, dass du deinen eigenen Konsum überdenkst, aber ich gehe einmal ganz optimistisch davon aus. Und denke auch, dass trotz aller berechtigter Kritik an dem Experiment zumindest einige Leute sinnvolle Gedankenanstöße bekommen haben.

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