Tag 29

Tag neunundzwanzig. Noch drei Tage, denke ich mir beim Aufstehen in aller Frühe. Die Nacht war diesmal extrem kurz, der Tag wird lang. Aber ich freue mich drauf. Nach zwei freien Tagen kann ich es kaum erwarten, wieder auf „Normaltemperatur“ zu laufen.

Zum Start gibt’s die übliche Arbeit vorm PC, dann breche ich auf ins Rathaus. Gegen Mittag nehme ich dort an der Sitzung des Grünen Klubs teil. Das kleine Buffet aus Brötchen und Fingerfood lacht mich zwar an und schreit förmlich „nimm mich“, doch wie schon Anfang des Monats schlage ich das entschieden aus. Bei dem Punkt habe ich mich den Monat über echt gut gehalten. Ich bekam weit mehr Einladungen als sonst (lieb gemeintes, aber nicht notwendiges Mitleid). Es gilt aber das, was ich schon am Beginn meines Selbstversuches in einem meiner ersten Blogeinträge geschrieben habe:
„Danke an alle, die mir im Laufe des Monats alles Mögliche angeboten haben, bzw. die mich ständig einladen wollten. Eh lieb. Aber ladet in Zukunft die ein, die es wirklich brauchen. Ich bin nicht arm. Mir geht’s gut. Ich will lediglich ein lächerliches Monat ein besseres Gespür dafür kriegen, wie es jenen geht, die zu wenig Einkommen zum Auskommen haben. Bei mir geht nach diesem Monat alles wieder seinen gewohnten Gang, andere starten wieder mit 232,50.- oder noch weniger, von vorne.“

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Ein Monat Bewusstseinsbildung auf Verordnung bitte!
Dieser „gewohnte Gang“ startet in wenigen Tagen. Am Freitag ist bereits der erste April. Geändert hat sich für mich trotzdem etwas und das wage ich schon jetzt zu sagen: Ich muss in Zukunft zwar nicht mehr jeden Cent dreimal umdrehen, aber ich werde trotzdem viel bewusster auf Ausgaben schauen. Die Leichtigkeit des Seins wird eine andere werden. So ein Monat Bewusstseinsbildung geht nicht spurlos an einem vorüber. Wenn man sich die schwarzblaue Hetze gegen sozial Schwache so anhört, würde gerade diesen Hetzern dieser Selbstversuch nicht schaden. Man/frau müsste ihnen das bloß verordnen können…
Umso mehr freut es mich, dass die Diskussion endlich in eine andere Richtung geht. Endlich kommen vermehrt Betroffene zu Wort. Mit ihnen zu reden ist tausendmal besser als immer nur über sie. Das Ö1 Morgenjournal hat sich mit Eva, einer ehemaligen Kindergartenhelferin, getroffen.
Eva: „Oft habe ich Mitte des Monats nur noch 10 Euro und dann weiss ich nicht wie ich es schaffen soll. (…) Ich würde alles dafür geben um wieder gesund zu sein, aber ich schaffe es nicht mehr, ich weiss das ich es nicht mehr schaffe.“

Nachzuhören unter: http://oe1.orf.at/artikel/435476
FAKT: Eine von vier Personen in ‪Mindestsicherung‬ hat schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen. via Martin Schenk http://www.armutskonferenz.at/

 

„Magst meine Pommes dazu haben?“
Zurück zu meinem Tag. Nach der Klubsitzung geht’s weiter in Richtung Grünes Haus in der Lindengasse. Davor begehe ich eine große Sünde und mache einen Fast Food Abstecher. Warum? Weil ich nur 5 Minuten Zeit hatte, was warmes, billiges im Magen haben wollte und ich mir gestern nichts vorkochen konnte. Was mir dort passiert ist auch nicht alltäglich. Ich bestelle zwei Hamburger (Kosten 2 Euro), da dreht sich eine junge Frau zu mir und bietet mir ihre Pommes an. Ich schaue erstaunt und bedanke mich und wir kommen ein wenig ins Gespräch über meinen Selbstversuch. Coole Sache. Danach nehme ich mir unterwegs vom Bäcker noch ein Salzstangerl (Kosten: 79 Cent) und setze dann meinen Weg ins Grüne Haus fort.

In der Lindengasse angekommen treffe ich einen Mann, der mich per Mail auf meinen Selbstversuch angesprochen hat und der sich mit mir austauschen möchte. Einer von vielen. Und es werden immer mehr. Jedes einzelne Gespräch, ob kritisch, informativ oder unterstützend, ist eine echte Bereicherung für meine Arbeit. Da ist echt sowas wie eine kleine Bewegung daraus entstanden.
Auf den Bürger folgt die Partei. Landesvorstandsitzung und erneut ist ein Buffet nur für meine Augen, aber nicht für den Gaumen angerichtet. Bleibt den anderen mehr, denke ich mir, nehme einen Schluck von meinem Wasser und einen kräftigen Bissen vom mitgebrachten Salzstangerl.

 

Zeit zu handeln, Herr Sozialminister!

Während der Vorstandssitzung ereilt mich neuer Ärger. Die oberösterreichische Landesregierung versucht sich am sozialpolitischen Amoklauf in Raten und präsentiert die Kürzung der Mindestsicherung für „integrationswillige Asyl- und subsidiär Schutzberechtigte “ von 914 Euro auf 520 Euro. Das ist irre. Jede ernsthafte Integrationsbemühung wird mit diesem Sturz unter die Armutsgrenze im Keim zum Ersticken gebracht.

Die ganze Geschichte kann man hier nachlesen: http://mobil.derstandard.at/2000033812315/Mindestsicherung-in-OberoesterreichSchwarz-Blau-will-auf-520-Euro-kuerzen

Ich fordere Sozialminister Stöger auf diesen Wahnsinn endlich zu stoppen und Verfassungsklage vor dem VfGH einzubringen! Es reicht!

 

Am Ende des Tages noch ein Abstecher in ein Lokal zum gemütlichen Beisammensein nach der Vorstandssitzung. Ich bleibe nur zehn Minuten und konsumiere nichts. Ist dieses Monat einfach nicht mehr drin. Zuhause angekommen, sind leider auch die Halsschmerzen wieder zurück. Ich werfe mir ein Aspirin complex ein und ziehe dafür 70 Cent von meinem Konto ab. Hätte ich mir eine frische Packung kaufen müssen, wäre ich hiermit pleite.

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Die Ausgaben für Verpflegung beliefen sich heute auf 2,79 Euro und damit bleiben mir für die letzten beiden Tage 6 Euro und 58 Cent.

DANKE, dass ihr mich begleitet.

3 Gedanken zu “Tag 29

  1. Da du offenbar nicht kochen (und damit meine ich nicht nur Nudeln) kannst oder willst und dich auch nicht mit gesunder Ernährung beschäftigst (zumindest habe ich in deinem blog nichts darüber gefunden) sind deine Mahlzeiten im März schon sehr bescheiden, fantasielos und eintönig. Das müsste aber auch bei knappem Budget durchaus nicht sein. Es gibt genügend Gerichte, die preisgünstig und gesund sind.

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    • Stimmt, Ulla, jetzt zur Bärlauchzeit fast ein Witz! Bärlauchröllchen in sautiertem Schaum, dazu Leberblümchensalat (Lieblingsmahlzeit von Kaiserin Sissi, aber hallo!) und Hollunderdolden in Eiklar getrocknet zum Dessert! Gratis im Lainzer Tiergarten neben jedem Wanderweg, Eingang Nicolaitor beim RAPID-Stadion.Vorspeisenklassiker; Maggisuppe _ das Gewürz der frischen Wildschweinwiesen, eingekocht in Wurzelsud,Löwenzähnen, ein Haucherl Bärlauch – von Hand geschnitten, und wer’s optisch braucht: Vier Blüten Immergrün, das blüht aber violett. Ich brauch dazu nur Wasser, Hopfen und das Reinheitsgebote von 1854!Da gabs noch nicht einmal Cents, geschweige den Euro!

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  2. Pingback: Biorama auf der Suche nach dem #Armeleuteessen in Bio | giftigeblonde

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