Tag 18

Tag achtzehn beginnt mit zwei richtig starken Kaffees, dazu gibt’s Weißbrot und Marillenmarmelade. In der letzten Woche hat sich einiges an Arbeit aufgestaut, heute Morgen versuche ich, mal all meine Mails aufzuarbeiten. Was ich nicht schaffe, vertage ich auf das Wochenende.

Einblicke
Gegen 8:15 geht’s auf ins Grüne Büro und ich muss sagen, ich bin vor meinem ersten Termin des Tages leicht nervös. Denn heute Vormittag treffe ich auf jene Frau, die mir vor wenigen Tagen diese Nachricht geschickt hat…

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Wie schon in den letzten Tagen mehrfach erwähnt, bekomme ich sehr viele Rückmeldungen zu meiner Aktion. Von Kritik über Zuspruch bis hin zu Tipps und Tricks ist da alles dabei. Das Feedback ist jedoch überwiegend positiv und unterstützend. Und so verlief auch der Austausch mit Renate*. Ich bedanke mich für ihr Feedback, wir tauschen Erfahrungen aus. Sie hat jetzt ein noch besseres Bild über meine Intention hinter der Aktion und ich bekam einen ernsten Einblick auf das „Real Life“ einer Mindestsicherungsbezieherin. Die Geschichte von Renate ist spannend – und doch ist sie eine Geschichte von vielen. Wir alle sind Wien. Und wir schreiben Tag für Tag unterschiedliche Geschichten. Mal geht es uns gut. Mal das Gegenteil. Mal sind wir oben, dann wieder unten. Auch die Geschichte von Renate zeigt, wie schnell es gehen kann. Vor einigen Jahren noch erfolgreiche Autorin mit eigenem Verlag, hat sie nun erhebliche Geldsorgen. Keine Besonderheit. Gerade im Bereich der Kunst und Kultur kann es oftmals sehr schnell gehen. Ich möchte dazu auch auf einen aktuellen Artikel in der Presse verweisen, der sich mit der Situation österreichischer Filmemacher_innen auseinandersetzt und zeigt, dass das oft ein Leben an der Schwelle zur Armutsgefährdung ist.

http://diepresse.com/home/kultur/film/4947767/Jeder-dritte-Filmemacher-in-Osterreich-ist-armutsgefaehrdet

Doch zurück zur Renate. Ich erlebe sie als lebensfrohen Menschen mit ungeheurem Potential und dem Willen, etwas zu tun. Das Treffen bestärkt mich in meiner Aktion. Es zeigt mir, dass es unumgänglich ist, für ein soziales Netz zu kämpfen, das Menschen wie sie auffängt und ihnen die Chance gibt, zurück ins selbstbestimmte Leben zu gelangen. Die ÖVP hingegen will diesen Menschen jegliche Chancen und Perspektiven im weiteren Leben zertrümmern. Das Kürzen bei der Mindestsicherung ist der Anfang vom Ende des österreichischen Sozialstaates. Lässt man schwarz und blau erstmal an unseren so wichtigen sozialen Netzen werken ist nach weniger Zeit nicht mehr viel von ihnen übrig, dafür gibt’s dann am anderen Ende der Verteilungstafel wieder eine lange Liste an Korruption, Freunderlwirtschaft und Geldverschwendung. Das Geld, das sie mit ihrem Klassenkampf von oben den unteren 50% nehmen, verschleudern sie in kürzester Zeit und bauen Zäune oder kaufen Abfangjäger. Hatten wir ja alles schon mal. Eine echte Horrorvorstellung.

Bevor ich tiefer in triste Zukunftsaussichten schlittere, lenkt mich in der Straßenbahnlinie 43 eine ältere Frau mit folgenden Worten ab:

„Herr Kovacs, wie läuft der Selbstversuch?“
Daraus entwickelte sich ein 10 minütiges Gespräch über meine Motive, die Intention dahinter und die ungerechte Verteilung des Vermögens im Land.
Am Ende sind wir uns einig. Die Reichen werden immer reicher und wir (die große Masse) dürfen uns nicht auseinander dividieren lassen und müssen alle gemeinsam für eine gerechtere Verteilung des Reichtums kämpfen.
Wir verabschieden uns freundlich. Bei mir ruft der Brotberuf, sie macht sich auf den Weg in ihre Wohnung im Gemeindebau Sandleiten zum Kochen des Mittagessens. Dabei noch ein letzter Schluchzer über die Lebensmittelpreise. Auch da hat sie recht. Denn während wir Realeinkommensverluste haben, sind die Wohnungs-und Lebenserhaltungskosten schier explodiert.
made my day
Deshalb mach ich das. Deshalb werde ich weiter kämpfen. Für die Menschen. Sie sind in der Mehrheit. Noch wissen sie es nicht zu nutzen.

 

Zu Mittag gibt’s, weil es schnell gehen muss, zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit Grillhenderl um 2 Euro, essfertig aus dem Supermarkt. Dazu kaufe ich mir Ketchup und Brot.

Am Nachmittag steht dann wieder mein Job als Tenniscoach auf der Tagesordnung. Hierfür habe ich auch schon bei meinem Supermarkteinkauf mit einem Himbeerkracherl und Bananen vorgesorgt.

Um 21 Uhr bin ich von der Arbeit zuhause. Kurz überlege ich, ob ich mit Freund_innen noch was trinken gehe, es ist ja schließlich Freitagabend. Beim Blick auf meinen Kontostand von 93,90 Euro entscheide ich mich aber rasch, es lieber zu lassen. Richtig Lust hab ich auch keine mich wo reinzusetzen, ein Getränk zu bestellen und den Rest des Abends am Wasserglas zu nippen. Nein, Lust hab ich keine…

 

FAKT:  

Herbe Reallohnverluste bei den unteren Einkommen. „working poor“!

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Diese Statistik der „tagesschau“ zeigt, wie unterschiedlich sich die Löhne in Deutschland entwickelt haben. Ähnliches gilt auch für Österreich. Die Reichen werden immer reicher. Die Armen ärmer und mehr. Denn die Wohn-und Lebenserhaltungskosten explodieren, während die Löhne bei den unteren Einkommen nahezu stagnieren. Dazu schweigt schwarz und blau. Erheben wir umso lauter unsere Stimmen!

 

*Name geändert

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