Tag 11

Tag elf startet sportlich, wie immer, wenn ich mit meinen Kids auf Tennisturnieren unterwegs bin. Wenn andere erst beim Frühstück sitzen, stehen wir schon am Platz und bereiten uns auf den Turniertag vor. 

Apropos Frühstück und Essen allgemein: Das wird hier vor Ort echt eine Challenge. Die Preise in der Tenniskantine sind im Vergleich zu örtlichen Gasthäusern und Lokalen zwar noch recht günstig, für jemanden, der aber nur 7,50 Euro pro Tag und weniger hat, schlichtweg nicht erschwinglich. 

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Ganz allgemein ist das hier eine ganz andere „Welt“. Tennis kann man/frau sich von der Mindestsicherung nicht leisten. Leistungsorientiert erst recht nicht. Die Kids hier kommen daher zu einem großen Teil auch aus gutbürgerlichem Haus ohne große Finanzsorgen, oder die Eltern investieren ihren gesamten Arbeiter_innen -beziehungsweise Angestelltenverdienst und manche auch mehr, um ihren Kids (leider oft auch sich selbst) den Traum von einer Profikarriere zu ermöglichen. Ein Traum, den alle zehn Jahre drei bis fünf Kids in Österreich erfolgreich zu Ende träumen dürfen. Was treibt dann die Eltern, die selbst nicht zu den Schwerverdienern zählen, derart viel Geld in den Sport ihrer Kids zu investieren? Zunächst mal mit Sicherheit die Begeisterung in den Augen der Kleinen. Man kauft einem Kind ja nicht einen Tennisschläger und hat im Hinterkopf schon den großen Karriereplan. Zumindest die Masse nicht. Mein Vater sagt noch heute: „Das war die teuerste Idee meines Lebens, diesen Plastikschläger vom Schlecker mit nach Hause zu nehmen“. Einmal losgetreten, entwickelt sich dann oft eine immense Eigendynamik, die von Jahr zu Jahr teurer wird, bis schließlich irgendwann mal jede/r an ihr/sein finanzielles Limit stößt. Bei mir war es nicht anders. Mit 17 noch Staatsmeister im Doppel und mit zahlreichen nationalen und internationalen Erfolgen im Rücken, war dann irgendwann keine nachhaltige Kostenkalkulation mehr möglich, sondern maximal noch zwei Jahre Tennisroulette. Das war meinen Eltern (Vater Arbeiter, Mutter Hauptschullehrerin) und mir dann doch zu heiß und so entschied ich mich für ein Politikwissenschaftsstudium. 
Ich möchte die Zeit trotzdem nicht missen und wie es das Leben so will, versuche ich jetzt jungen Talenten meine Erfahrungen mitzugeben und ihrerseits das Unmögliche möglich zu machen. 

Verwunderlich ist es ja nicht, dass dieser Drang, das Unmögliche möglich zu machen, eine so große Rolle spielt. Wenn man sieht, dass Reichtum und Bildung in Österreich zu einem großen Teil immer noch vererbt werden, dann ist es echt keine große Überraschung, dass man andere Wege und Mittel sucht, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Freilich ein Spiel mit dem Feuer, das auch nach hinten losgehen kann. 

Bildung und Reichtum wird in Österreich immer noch vererbt.

„In der Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen 55,8 Prozent der Kinder aus Akademikerhaushalten einen Hochschulabschluss, aber nur 6,6 Prozent jener Kinder, deren Eltern als höchste Ausbildung lediglich einen Pflichtschulabschluss aufweisen. Auch umgekehrt besteht dieser Zusammenhang: 27,3 Prozent der Kinder aus einem Elternhaus mit höchstens Pflichtschulabschluss in dieser Altersgruppe erreichen selbst lediglich einen Pflichtschulabschluss, aber nur 5,1 Prozent der Akademikerkinder bleiben auf der untersten Ausbildungsstufe. Über die Generationen hat es bei diesen Prozentsätzen nur eine leichte Verbesserung der Mobilität gegeben.“ (Profil, 22.4.2015) 

Dieselben, die es wegen mangelnder Chancengerechtigkeit im Bildungsbereich nicht schaffen, haben auch geringe Aussichten, ihre Situation mit „erben“ zu verbessern. Davon profitieren nämlich in erster Linie auch wieder exakt jene, die ohnedies schon das mit Abstand größte Stück vom Kuchen besitzen. 

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Nach diesem heute etwas längeren Exkurs, zurück zu meinem Tag. Während der Zeit der Turnierbetreuung muss ich ordentlich sparen. Vorkochen ist keine Option, in der Kantine essen finanztechnisch ebenso nicht. Was bleibt: Gebäck, Aufstriche, Obst und Co. aus dem Supermarkt und eventuell mal ein richtig günstiges Mittagsmenü, wenn mir eines über den Weg laufen sollte. Noch war dies nicht der Fall. Heute entschied ich mich zu Mittag für ein Zwei-Euro-Grillhenderl aus dem Supermarkt. 

Ansonsten fielen heute noch Ausgaben für eine Wundsalbe an, da sich meine Haut unter der Schiene, die ich für sechs Wochen an meinem Sprunggelenk tragen muss, schon leicht entzündet hat, und ein Getränk beim Abendessen der Kids, sowie Biskotten und Brot. Sagen wir es so, ich war schon mal wesentlich unbeschwerter auf Turnierreisen unterwegs. Aber das halte ich durch. Anders als bei echten Betroffenen, sieht‘s bei mir ab April ja dann schon wieder viel sorgenfreier aus. Das stimmt echt nachdenklich, ebenso wie der Blick auf den Kontostand am Ende des Tages:
131,78 Euro. 
Das werden noch harte 20 Tage. 

Zum Abschluss noch eine Leseempfehlung:

Die Reichen liegen uns auf der Tasche

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