Tag 10

Tag zehn beginnt eigentlich ident mit Tag neun. Der Wecker läutet um 6:00, dann Arbeit am Computer, dann zu einem politischen Kaffeetermin. Kosten dafür sind auch dieselben wie gestern, nämlich 2 Euro. Dann wird aber mit dem üblichen Rhythmus gebrochen. Warum? Weil mein „Brotberuf“ ruft und ich mit meinen Tenniskids zu den Österreichischen Tennis Staatsmeisterschaften nach Villach aufbreche. Aufgrund meines Außenbandrisses sind Turnierbetreuung und Coaching die einzigen Sachen, mit denen ich aktuell meiner Trainertätigkeit nachkommen kann.

Das bedeutet für meinen Selbstversuch geänderte Vorzeichen: Wohnung getauscht mit Pension. In diesem Fall ok, da ich Job und Wohnung ja immer vom Versuch ausgeklammert habe, was an sich schon klarstellt, dass man meine Situation mit jener real Betroffener in keiner Weise vergleichen kann. Ich glaube, das kann man nicht oft genug sagen. Die Pension gibt’s für mich jedoch, anders als für die Kids, ohne Frühstück. Das heißt ich muss sehen, wie ich hier vor Ort mit den mir noch verbleibenden 6,56 Euro pro Tag zurechtkomme. Kein leichtes Unterfangen, verbringe ich doch die nächsten Tage fast durchgehend auf der Tennisanlage. Ob die Kantine vor Ort günstig ist, wird sich zeigen. Günstig genug mit Sicherheit nicht. Ich werde mir also die nächsten Tage echt was überlegen müssen. Heute gab’s noch Reste vom Vortag. Einmal mehr Nudeln. Kohlenhydrate waren also in dem Monat schon genug dabei. 

 

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Die An- und Abreise vom Turnier wird mir im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit bezahlt, genauso wie die Unterkunft. Wären Sprit oder Bahnticket selbst zu zahlen, wäre der Versuch ohnedies schon gescheitert. Mit dem Wenigen unfinanzierbar.

Wenn Arbeit nicht gegen Armut hilft

Den heutigen Eintrag möchte ich gleich dazu nutzen, um mal klar und deutlich zu sagen: Ich bin froh einen Job, eigentlich gleich zwei, zu haben, die mir riesigen Spaß machen und mit denen ich so viel verdiene, dass das Einkommen zum Auskommen reicht. So geht es leider immer weniger Menschen. Steigende Teilzeit und zahlreiche atypische Beschäftigungsverhältnisse produzieren leider immer mehr das Phänomen der „Working Poor“. Dazu möchte ich auf einen spannenden Artikel aus der Wiener Zeitung vom 26.2. hinweisen: 

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten/oesterreich/politik/?em_cnt=803182

„Nach den letzten verfügbaren Zahlen der EU-weiten Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC) waren in Österreich im Jahr 2014 insgesamt 266.000 Menschen zwar erwerbstätig, aber dennoch armutsgefährdet. Das sind sieben Prozent der Erwerbstätigen insgesamt.“

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Nicht mal 10% aller Mindestsicherungsbezieher_innen erhalten die volle Leistung, der Großteil der Mindestsicherungsbezieher_innen setzt sich zusammen aus unterschiedlichsten Gruppen, die auf Ergänzungsleistungen angewiesen sind. Zu eben diesen gehören auch die „Working Poor“. Man kann dies nicht oft genug klar machen, haben doch ÖVP
und FPÖ über Jahre immer wieder versucht, das Bild eines klassischen Mindestsicherungsempfängers so zu malen, dass man vor sich einen Langzeitarbeitlosen in der sozialen Hängematte sieht, der auf über 800 Euro zählen kann. Ein Bild, das so falsch ist, wie der Politik seiner Erfinder. Das Interesse von schwarz und blau ist jedoch auch nicht, Klarheit zum Thema zu schaffen, sondern vielmehr die über Jahr aufgebauten sozialen Netze zu zerschlagen. Aber da machen wir nicht mit und da sehen wir auch nicht zu. Wir leben in einer Stadt, die niemanden zurücklässt und das soll auch in Zukunft so bleiben. 

Was es vielmehr braucht, sind höhere Löhne. Die Realeinkommensverluste seit den 1970iger Jahren sind enorm und wenn man sich dazu die Steigerung der Lebensmittelpreise oder der Preise am Wohnungsmarkt ansieht, dann erkennt man sehr schnell eine der Wurzeln des Problems. Deshalb: Reichtum gerecht verteilen. JETZT!

 
Doch noch einmal kurz zurück zu meinem Tag. In Villach angekommen, kaufe ich mir noch schnell eine Jause für den Abend, coache ein Spiel und beschließe den Tag mit einem verbleibenden Budget von 141,28 Euro

 

Ein Gedanke zu “Tag 10

  1. Ganz spannend finde ich auch das mit den Kohlehydraten. In meiner Arbeitssuchendenzeit nahm ich immens zu.
    Heute arbeite ich TZ und verdiene nur 200€ mehr als vorher, aber das Essen wird auch nicht gesünder. Ich habe schon so einen Selbsthass entwickelt, dass ich vermutlich zur Therapie sollte, nicht bezahlbar.

    Lg

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