Tag 7

Sieben Tage sind nun vorüber. Sieben Tage, in denen sich doch einiges geändert hat…

Ernährung: Ich trinke sonst schon viel Leitungswasser, aber in den letzten sieben Tagen kaum noch was anderes. In diesem Sinne: Ein Hoch auf das Wiener Wasser! Denn was für uns in Österreich selbstverständlich ist, ist in den meisten Teilen der Welt undenkbar. Trinkwasserqualität aus der Leitung: Gesund, „gratis“ und mir schmeckt’s auch. Mein Kaffeekonsum ist dafür fast halbiert und auf alles andere (Softdrinks, Säfte) verzichte ich fast ausnahmslos. Beim Essen bin ich selbst sehr unzufrieden mit mir. Ich habe es kaum geschafft, mal in Ruhe zu kochen. Zu stressig war der Alltag. Und alles, was schnell geht, ist halt oft nicht das Gesündeste. Von ausgewogener Ernährung ganz zu schweigen. Da werde ich, nein, da muss ich die kommenden Wochen genauer drauf achten. Ich möchte mir z.B. auch ansehen, ob und wo ich leistbare, gesunde und wenn es geht auch noch Bio-Produkte finde. Foodcoops, also Zusammenschlüsse von Personen und Haushalten, die selbstorganisiert biologische Produkte direkt von lokalen Bauernhöfen, Gärtnereien, Imkereien etc. beziehen, werde ich als Erstes unter die Lupe nehmen.

Freizeit/Gesellschaft: Hab ich ein Glück, dass ich Tenniscoach und Politiker bin. Da müssen sich die Menschen quasi zwangsweise mit mir treffen, auch wenn ich ihnen nicht das Kaffeehaus oder ein großes Buffet anbieten kann. Das allein zeigt schon, wie hinkend der Vergleich mit wahren Mindestsicherungsempfänger_innen ist. Er hinkt nicht nur, die Situation lässt sich einfach nicht vergleichen. Natürlich merke ich, dass ich oft früher zuhause bin als sonst, denn mit 7,50 am Tag überlegst du es dir zweimal und drehst im Gedanken jeden Cent mehrmals um, bevor du dich auf „ein Bier oder ein Cola danach“ begibst. Z.B. heute nach der Landeskonferenz. Die Sitzung war vorbei und mein erster Gedanke war: „Ich will nach Hause“. Keine einzige Sekunde dachte ich daran, mich mit den anderen in ein Lokal zu begeben, was ansonsten schon fast eine Gewohnheit ist. Selbiges wird sich morgen Abend, wenn wir Sitzung im Bezirk haben, wiederholen. Das kann in dem einen Monat sogar entspannend wirken, wenn du das aber immer so handhaben musst, fehlt dir sicher etwas und du amputierst dir quasi ein Bein des politischen Netzwerkens. Auch das sind jedoch lediglich wahre Politiker-Luxusprobleme. Die wahren Probleme beginnen dann, wenn du Monat für Monat so wenig zum Auskommen hast, dass du dir gesellschaftliches Beisammensein schlichtweg nicht leisten kannst. Der Schulschikurs der Kids, die anstehende Reparatur, das Geburtstagsgeschenk für eine Freundin, Nachhilfe für die Tochter, u.v.m. gewinnen wohl jede Budgetverhandlung mit sich selbst und bringen viele Menschen, die zu wenig vom „Kuchen“ besitzen, immer näher zu Isolation. Ich mache mir diese Gedanken und denke mir dabei: „Alter Schwede, dir geht’s doch echt gut“.

Einkäufe: Die haben sich aktuell rein auf Lebensmittel beschränkt. Auch hier zeigt sich, dass ein Monat die Situation von Mindestsicherungsbezieher_innen in keiner Weise simulieren kann. Ich werde zwar in den nächsten Tagen Hygiene- und Toiletteartikel einkaufen gehen, aber viele andere Anschaffungen schiebe ich einfach auf die Folgemonate (Textil, Elektronik, …). Verschieben können das freilich auch die wahren Mindestsicherungsbezieher_innen, nur verbessert sich deren Situation leider nicht von einem Monat auf den anderen und so bleiben viele angestrebte Investitionen wohl oder übel auf der Strecke. Der Treppenwitz an der Geschichte. Trotz meiner einseitigen Einkaufspolitik der ersten sieben Tage habe ich es nicht geschafft, mit dem Geld, das mir zur Verfügung steht, auszukommen und ich muss schon die nächsten 24 Tage mit weniger als 7,50 am Tag auskommen, um es bis zum Ende des Monats zu schaffen. Alle Politiker_innen, die bei der Mindestsicherung von der Sozialen Hängematte quasseln, sollten dringend mal wieder ein wenig Lebensrealität in ihr Leben lassen.

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Reparaturen: Zum Glück noch keine. Und ich möchte ehrlich gar nicht daran denken, wie mein Kontostand aussehen würde, würde da was anfallen. Einen Monat ohne Reparaturen zu überstehen ist möglich, mit viel Glück auch ein Jahr, aber mehr?!?!

Gesundheit: Mein lädiertes Sprunggelenk ist mit einer Schiene versorgt. Ansonsten geht es mir gut. Auch hier bin ich froh, dass daher aktuell noch keine weiteren Kosten entstanden sind. Durch meine Fehlleistung bei der Ernährung in Woche eins habe ich leicht an Gewicht verloren, nichts dramatisches, aber ich muss das in den Griff bekommen.

Einladungen: Ja. Die gibt’s zuhauf. Mein „Monat“ hat sich echt herumgesprochen. Ob am Tennisplatz, im grünen Umfeld oder Freundeskreis, beinahe überall werde ich darauf angesprochen. Viele erzählen mir, dass sie sogar in der Arbeit darüber sprechen, wie man/frau mit 7,50 am Tag auskommen kann. Und weil ich so viele grüne, sozial denkende Freund_innen habe, wollen mich auch alle ganz brav einladen. Zu 98% lehne ich dankend ab. Der eh schon realitätsferne Selbstversuch soll nicht noch komplett realitätsfremd werden. Ich glaube nicht, dass anderen täglich mehrere Einladungen auf ein Getränk ausgesprochen werden. Schade eigentlich. Denn dass mir das wird, zeigt eigentlich auch, dass in der Gesellschaft genügend Geld dafür vorhanden wäre. Es ist, wie in den letzten Tagen angesprochen, einfach nur schlecht und ungerecht verteilt.

Wir brauchen dringend eine ernst geführte Verteilungsdebatte. Ein Ruf nach Vermögenssteuern, der nicht von den ÖVP Spin-Doktoren mit dem ersten Schmäh, dem „Angriff auf den Mittelstand“, abgewehrt werden kann.

Liebe Leute, bei der Vermögenssteuer geht es nicht um das Haus der Oma, auch nicht um ihr Sparbuch. Es geht darum, die reichsten 5%, die mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen, zum Wohle der anderen 95% zur Kasse zu bitten. Nicht als Strafe. Sondern im Sinne der sozialen Gerechtigkeit. Der Mittelstand hat damit nichts zu tun. Auch wenn euch die liebe ÖVP das immer einzureden versucht. Die bringen den Schmäh seit Jahrzehnten und kommen immer damit durch. Lasst euch also nicht von der Politik verarschen und starten wir gemeinsam eine Bewegung von unten, die es schafft, die Schere zwischen ARM und REICH Stück für Stück wieder zu schließen.

4 Gedanken zu “Tag 7

  1. Danke, daß die Einladungen ablehnst. Menschen die so lange – auf gut wienerisch – flach sind, daß sie auf die Mindestsicherung angewiesen sind haben in der Regel nur mehr Freunde und Bekannte denen es nicht viel besser geht. Und spätestens nach der 2. Einladung, wenn sie doch einmal kommt, wird es den Betroffenen selbst peinlich und sie meiden den Kontakt.

    Da ist dann nichts mehr mit „Netzwerken“ und die Möglichkeiten sich das ohnehin spärliche Einkommen aufzubessern werden noch weniger.

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  2. heute hab ich mit einem Freund über Dein Projekt gesprochen. Er hat mir erzählt, dass er schon öfters bei Einladungen Krankheiten vorgeschoben hat, weil er z.B. kein Geld für ein Geburtstagsgeschenk hatte und sich geniert hat, das selbst im engsten Freundeskreis offen zu sagen.

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  3. Wenn Interesse besteht, mal Einblick in das reale Leben unter BMS zu erhalten, und wie es trotz allen Widrigkeiten, die uns in Wien noch in den Weg gelegt werden, möglich ist, intensiv Tierschutz zu betreiben (ein teures „Hobby“!), dann kannst du gern mal vorbei schauen. Mit“ reales Leben unter BMS“ meine ich eben das, was du kurz angeschnitten hast, dass man zB Reparaturen nicht unbedingt aufschieben kann (bzw das nicht hilft), oder das Monat super unlustig wird, wenn mal eben 50€ für die Abgasuntersuchung bei der Hauptkehrung fällig werden. Unangekündigte Kosten, die einem die ganze Planung zusammenhauen…
    BMS *ist* bereits würdeloses Leben *unterhalb* der Armutsgrenze, es ist die real existierende Armut mitten in Österreich. Diese wird nur von jenen, die genug haben, immer schön sauber ignoriert… Aussage eines MA40 Mitarbeiters: „die Mindestsicherung SOLL ja wehtun. Man SOLL damit ja nicht auskommen. Sonst wäre es ja zu einfach.“
    Das ist Alltag in Österreich!

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