Tag 1

Ich zieh’s durch. 7,50.- am Tag, den gesamten März. Macht im Monat einen Betrag von 232,50.-. Anders, als es medial oft angeführt wird, sehe ich es nicht als Challenge. Es gibt hier nichts zu gewinnen oder zu verlieren. Alles, was ich möchte, ist zu zeigen, wie schwer es ist, mit so wenig auszukommen und wie ungerecht Reichtum in Österreich verteilt ist.
Mit diesem Vorhaben startete ich heute in den Tag. Und der war vollgespickt mit Terminen. Ein wahrer Sitzungsmarathon. Vom ersten Termin um 9:00 bis zum letzten um 22:00, mit kaum Pausen inzwischen. Und da bemerkte ich schon das erste Problem: Ich hatte nicht wirklich Zeit zu essen. “Billiges” Fast-Food wollte ich keins und die Mittagsmenüs waren mir dann doch zu teuer. An jedem anderen Tag hätte ich mich einfach in einem Lokal in der Neubaugasse oder auf der Mahü bedient. Heute ließ ich Esslokale aber ebenso links liegen, wie Bäckereien am Morgen und Caféhäuser am Nachmittag/Abend. Ich kaufte mir schließlich beim Hofer eine Kleinigkeit: 10 Semmeln, einen Liptauer und ein Joghurt. Zum Glück hatte ich zuhause noch Kaffee und Biskotten. Die einzigen Vorräte, die ich mir heute erlaubte aufzubrauchen. Das stellte somit auch keine Belastung für‘s Budget da.
Morgen muss ich jedenfalls einen richtigen Einkauf machen und was Kochen. Denn so nebenbei wird’s entweder teuer oder ich werde nicht wirklich satt.
Die Chance “gratis” zu essen und trinken hatte ich heute häufig. Da merkte ich erst, wie gut es mir eigentlich geht. Bei vielen Terminen bekam ich Kaffee oder Tee angeboten, bei einer Sitzung gab’s sogar allerart Brötchen. Aber ich lehnte stets dankend ab. Denn wie viele Mindestsicherungsbezieher_innen bekommen die Chance auf einen Gratissnack?
Danke also an alle, die mir heute im Laufe des Tages alles Mögliche angeboten haben, bzw. die mich heute einladen wollten. Eh lieb. Aber ladet in Zukunft die ein, die es wirklich brauchen. Ich bin nicht arm. Mir geht’s gut. Ich will lediglich ein lächerliches Monat ein besseres Gespür dafür kriegen, wie es jenen geht, die zu wenig Einkommen zum Auskommen haben. Bei mir geht nach einem Monat alles wieder seinen gewohnten Gang, andere starten wieder mit 232,50.- oder noch weniger, von vorne.

 

Wir schreiben 22:00 und verlassen nach getaner Arbeit das Grüne Lokal in Ottakring. Da kommt die Frage: “Wer geht noch mit auf ein Getränk im Liebharts?”
Meine Antwort war heute eine andere als zumeist.
Kontostand heute: 230,49.-

34 Gedanken zu “Tag 1

  1. frage: wie berechnen sich die 7 euro 50? mit der mindestsicherung hat das prima vista mal nichts zu tun, die ist höher, aber von den laufenden lebenshaltungskosten wie miete, heizen, telefon, öffi-karte etc ist hier ja nicht die rede. ich nehme also an, das soll der budgetanteil der mindestsicherung für die täglichen einkäufe sein. aber wie rechnet sich das heraus?

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    • Die Frage stelle ich mir auch. Ich betreue Mindestsicherungsbezieherinnen und Personen die ein Ams- Einkommen über dem Mindestsicherungsrichtsatz haben, und pro Tag oft weniger als 07,50 € zur Verfügung haben.
      Haben Sie Miete, Strom- und Nebenkosten auch berücksichtigt?

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      • Wir haben versucht einen Durchschnittswert zu nehmen. Mir ist bewusst, dass viele auch noch unter den 7,50/Tag leben müssen. Das sollte aber nicht so sein. Denn nicht die Mindestsicherung ist zu hoch, sondern die Löhne sind zu niedrig.

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  2. Fast Food Mahü: Nudelbox um 2.50 und macht soweit satt, dass man eigentlich den Rest des Tages fast nix mehr braucht.

    Mein Geheimtipp für knappes Budget: 20 Kilo Reissack im Asiasupermarkt. Klar kann man dann keinen Reis mehr sehen, aber man hat immer etwas zu Hause wenn man Hunger hat.

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  3. Hallo
    Der Gedanke ist nett und gut gemeint. Das Problem, welches ich hier sehe ist jenes, dass viele nicht mehr richtig kochen können und daher auswärts essen gehen bzw Essen liefern lassen, was wiederum eine Menge kostet. Wenn ich mich halbwegs vegetarisch ernähre, kann ich mir täglich frisch kochen und benötige hierfür 3-4€ maximal am Tag. Klar rede ich hier von einem Einpersonen Haushalt. Es macht auf dauer auch keinen Spaß, so derartig sparsam sein zu müssen. Für manche ist es aber bittere Realität, ich war bereits auch in dieser Situation. Ich habe daraus gelernt, viel bewusster einkaufen zu gehen – je mehr im Kühlschrank ist, desto mehr isst man – je mehr du isst, desto mehr Lebensmittel sind offen im Kühlschrank und werden daher früher schlecht….. Dies waren halt meine Erfahrungen.
    Lg
    Bernhard

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    • Es liegt nicht immer nur am „Kochen können“. Für Kochen muss man auch Zeit haben. Auch da gibt’s Unterscheide. Aber ich stimme dir voll zu. Selbst kochen ist mit Sicherheit die preiswerteste Variante.

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  4. Das mache ich seit Jahren. Und zwar ganz regelmäßig und auch länger. Das ist zwar sehr lehrreich, aber dennoch nur ein Versuch…
    Wir, die wir es quasi zu Studienzwecken machen, wir wissen genau, dass wir die Waschmaschine kaufen können, wenn sie kaputt wird.
    Aber eines ist klar: ich profitiere von der Tatsache, dass ich als Kind nicht verwöhnt wurde, gelernt habe mit Geld umzugehen und mir Frust-Käufe absolut fremd sind. Weiters pflege ich seit beinahe 2 Jahren relativ strikte Konsumverweigerung. Gekauft wird nur, was für`s tägliche Leben benötigt wird.
    Bücher kommen schon lange nur aus der Bücherei. Gebrauchsgegenstände werden ver- oder ausgeliehen. Tauschen funktioniert auch recht gut. Kleidung habe ich seit mindestens zwei Jahren keine mehr gekauft. Ich kann an meinem Hintern nur eine Jean tragen und mit selbigem nur auf einem Sessel sitzen…
    Aber wie gesagt,… es ist und bleibt freiwillig. Und das fühlt sich ganz anders an, als wenn man so leben MUSS.

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  5. Generell find ich das ein sehr interessantes Experiment. Allerdings wird es für sie wahrscheinlich härter, als es für einen der angesprochenen Pensionisten ist. Der Unterschied ist nämlich: Sie arbeiten den ganzen Tag und haben wenig Zeit, sich etwas zuzubereiten. Bei Pensionisten sieht das schon etwas anders aus, die können sich den Tag im Großen und Ganzen frei einteilen und haben auch die Zeit, sich mit günstigen Lebensmitteln etwas schmackhaftes zu kochen. Das fällt mir auch bei mir selbst auf: wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin und mich unterwegs eindecke (z.B. zu Mittag Essen gehe), ist der Tag deutlich teurer als das Wochenende, wo ich mir meine Sachen selbst koche. Das, was definitiv weniger werden wird weil es ein Kostentreiber ist, ist der Fleischkonsum.

    Kohlenhydrate sind ernährungstechnisch am günstigsten, daher sind bei Selbstzubereitung Speisen mit hohem Beilagenanteil (Reis, Kartoffeln, Nudeln, …) recht preiswert. Haferflocken zum Frühstück (halbes kg etwa 0,50€) sind auch günstig und sehr gesund – wahlweise mit Milch oder Joghurt, manche kochen es auch in Milch auf. Wenn man es mag, ist auch ein Grießbrei sehr schmackhaft und sehr günstig (1kg Weizengrieß kostet weniger als 1€ und reicht für ziemlich lange, kommt noch die Milch und ein wenig Zucker und eine Prise Salz dazu, wenn man mag mit einem Ei, das untergerührt wird).

    Aber wie schon gesagt: Es muss die Zeit vorhanden sein, um sich die Speisen selbst zuzubereiten, dann kommt man auch mit einem recht geringen Budget aus. Ein weiterer Faktor der dazukommt: wenig schlafen macht hungrig, Pensionisten haben recht viel Zeit zum Ausschlafen, was man von einem Politiker eher nicht behaupten kann 😉

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    • Danke für dein Feedback. Der Faktor Zeit spielt bei all dem Beschriebenen sicher eine wichtige Rolle. Aber ich mach jetzt was einen Monat lang. Gut, wenn es mich in manchen Bereichen hart trifft, denn ich kann im April wieder zum Alltag über gehen, die „echten Mindestsicherungsempfänger_innen“ beginnen einfach ein neues Monat….

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  6. Pingback: Tag 1 | Karins Notizen

  7. Hallo hr. Kovacs!
    Wir waren auch mal ein Jahr arbeitslos mit 2 Kindern und bekamen kaum Geld, da selbständig gewesen, …deshalb kann ich dir mülldiving Beim SPAR, billa oder anderen lebensmittelriesen schwer empfehlen! Einfach die kleinen Kinder in die Container reinheben und die tauchen die Lebensmittel raus, Viel Obst und Gemüse dabei, was willst du als Familie mehr!

    LG bibi

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    • Du beschreibst genau eine Situation die es nicht geben müsste, würden wir den vorhandenen Reichtum gerecht verteilen. Aber in Österreich besitzen die reichsten 5% mittlerweile 45% des Vermögens und die untern 50% nicht einmal mehr 4%. Dagegen gilt’s mit aller Kraft vorzugehen. Reichtum gerecht verteilen. JETZT!

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  8. Traurigerweise hatte ich im Zivildienst 80,00 € monatlich für Verpflegung. Irgendwelche Zugaben hat mir der Staat verwehrt, weil ich mich für eine WG und nicht für eine eigene Wohnung entschieden habe. Probier das mal aus Joachim…80/30 = 2,50 € pro Tag. Das war ein Trauerspiel.

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  9. Ich betreue als Admin bei einer NGO BMS-Bezieher. Ich kann nach Auswertung einiger 100 davon mitteilen, dass dem Durchschnitt, der diesen nach Abzug Wohnkosten, Energie bleibt, für Essen, Bekleidung & soziale Teilhabe bei rund 3,- bis 3,50/Tag liegt. Zuviel zum sterben, zuwenig zum leben 😦 Da ist Hartz IV im Vergleich ein Schlaraffenland, wo einem 350,-+/Monat für selbiges bleiben MUSS.

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  10. Tolles Vorhaben! Danke für das Teilen Deiner Erfahrungen, auch dafür, nicht den „Luxus“ der Meeting-Brötchen anzunehmen, um das Experiment möglichst realistisch durchzuführen.

    Ich habe als jemand, der sich mit der Thematik „Trennungsväter“ auseinandersetzt, viel mit Menschen zu tun, die eigentlich ganz ok verdienen würden, aber denen aufgrund des Pflegschaftsrechtes häufig weniger als das Existenzminimum bleibt. Von ihnen weiß ich, wie hart es sein kann, mit wenig auskommen zu müssen und gleichzeitig dennoch in ihrer Betreuungszeit mit ihren Kindern noch etwas unternehmen und ihnen die ein oder andere kleine Freude machen zu können. Auch das ist mehr als hart und teilweise sehr traurig, wenn man seinen Kindern nichts mehr bieten kann. Nochmal vielen Dank und ich werde aufmerksam Deinen Berichten folgen.

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    • Steht schon mehrfach im Text. Abzüglich der Fixkosten (Wohnung, Handy, usw.). Finde mal in Wien eine Wohnung um den Wohnkostenanteil von 207 Euro. Ich hab nachgesehen, dafür gibt’s in Wien exakt 2 Garagenplätze. Mieten sind viel teurer. Da bleibt dann oft sogar noch weniger als die 232.50 Euro.

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